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Nachrichten der Görres-Gesellschaft

31.05.26

Tagung im Kloster Banz zu "jüdischem Leben in Deutschland": Zwischen Annäherung, Akzeptanz und Ausgrenzung

Prof. Dr. Thomas Brechenmacher

Dr. Sophia Schmitt

Prof. Dr. Thomas Brechenmacher

Dennis Ossipov

Zu einer Gemeinschaftstagung mit der Hanns-Seidel-Stiftung im Kloster Banz unter dem Thema "Jüdisches Leben in Deutschland. Perspektiven und Herausforderungen gestern und heute" kamen am Wochenende vom 29. bis zum 31. Mai 2026 rund 20 Teilnehmerinne und Teilnehmer, darunter zahlreiche aus dem Jungen Forum der Görres-Gesellschaft, zusammen. Die wissenschaftliche Tagungsleitung lag Frau Dr. Sophia Schmitt (Uni Freiburg) und Prof. Dr. Thomas Brechenmacher (Uni Potsdam) liegen. Über das jüdische Leben in Deutschland heute berichtete der jüdische Student Dennis Ossipov. Das detaillierte Programm der Tagung finden Sie hier

In einem ersten thematischen Block, der unter dem Titel „Nähe und Abgrenzung“ stand, gab die Judaistin Dr. Sophia Schmitt einen Einblick in das jüdische Leben im Mittelalter. Anhand von Alltagsbeispielen aus der nächsten Umwelt der Juden - Keller, Hof und “Gute Stube” - zeigte sie Begegnungsräume zwischen Juden und Nicht-Juden und machte damit deutlich, dass  das Beziehungsgeflecht weitaus komplexer war als gemeinhin angenommen. Auch konnten Juden zumindest teilweise auf Rechtssicherheiten vertrauen, die ihnen zugesichert worden waren. In einer abschließenden Gruppenarbeit wurden anhand konkreter Beispiele die Beziehung zwischen Juden und Nicht-Juden illustriert, die, wie in den nachfolgenden Jahrhunderten auch, von Annäherung und Akzeptant wie auch Ausgrenzung, Anfeindung bis hin zur Auslöschung geprägt ist. 

Im zweiten Block zeigte Prof. Dr. Thomas Brechenmacher unter dem Titel „Judenemanzipation in Deutschland, eine Erfolgsgeschichte?“ zunächst die Geschichte der jüdischen Emanzipation in Deutschland. Zentrale Fragen seien die nach dem Religionsverständnis sowie dem Staats- und Bürgerverständnis der Juden gewesen. Entscheidende Daten seien das Preußische Emanzipationsedikt von 1812 („Judenedikt“), vor allem aber auch die Frankfurter Paulskirche 1848 / 1849 gewesen, wo der Abgeordnete Gabriel Riesser vehement für die Judenemanzipation eingetreten sei. Erst 1871 sei es zur rechtlichen Gleichstellung von Juden gekommen. 

Dass staatsbürgerrechtliche Gleichstellung jedoch nicht gleichbedeutend mit vollständiger Akzeptanz ist, machte Brechenmacher im zweiten Teil seiner Ausführungen deutlich, die unter dem Titel „„Moderner Antisemitismus“ in Deutschland im 19./20. Jahrhundert“ standen. Hier zeigte er, wie der Antisemitismus (als Begriff erstmals in einem Lexikon 1879 erwähnt) nach und nach in der Gesellschaft des Kaiserreiches und später in der Weimarer Republik um sich griff. Oftmals geschah dies subtil und „subkutan“: jüdische Studenten durften nicht mehr studentischen Verbindungen beitreten oder Juden wurden oftmals nicht als Reserveoffiziere zugelassen, was ihnen eine größere Karriere zum Beispiel im Staatsdienst verwehrte. Im Anschluss schlug Brechenmacher den Bogen hin zum völkisch-nationalen Antisemitismus der Nationalsozialisten und ging im letzten Teil seiner Betrachtungen auf die ideologischen Gründe für den Antisemitismus unserer Tage ein. 

Im dritten Teil der Tagung berichtete der Stunden Dennis Ossipov über "Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945 - aktuelle Herausforderungen und Chancen". Ossipov, selbst Jude, plädierte leidenschaftlich dafür, das Judentum in Deutschland nicht eingeengt auf die Shoah und den Antisemitismus unserer Zeit zu betrachten, sondern auch die Perspektive auf das Wiedererstehen jüdischen Glaubens- und Gemeindelebens in den letzten Jahrzehnten zu richten. Der große Zuwachs jüdischer Gemeinden seit den 1990er Jahren sei vorwiegend auf den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion zurückzuführen, die oder deren Nachkommen ihre jüdische Identität teilweise verloren hätten, diese aber wieder entdeckten. Gleichwohl berichtete er von der großen Sorge jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich einem zunehmenden Antisemitismus ausgesetzt sehen. Das Heimatgefühl gegenüber Deutschland beschrieb Ossipov als „Vorläufigkeit“. 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Tagung blicken auf Tage voller spannender Vorträge und Diskussionen zurück, wie auch wertvoller persönlicher Begegnungen, die ihnen auch im Pausengespräch oder abendlichen Beisammensein den Spannungsbogen jüdischen Lebens in Deutschland deutlich machten, und die Hoffnung  bestärkten, dass sich dieses Leben neu entfalten kann. 

Ein großer Dank gebührt der wissenschaftlichen Tagungsleitung, Frau Dr. Sophia Schmitt (Uni Freiburg) und Prof. Dr. Thomas Brechenmacher (Uni Potsdam) sowie Dennis Ossipov, für brillante Vorträge, spannende Diskussionen und der Bereitschaft, ein Wochenende lang für dieses Thema zum Kloster Banz gereist und die Tagung veranstaltet zu haben. 

Der Dank der Görres-Gesellschaft gilt der Hanns-Seidel-Stiftung, insbesondere Herrn Dr. Michael Hahn, für die Vorbereitung und Durchführung der Tagung. Gerne greift die Görres-Gesellschaft den Gedanken auf, auch im kommenden Jahr wieder eine gemeinsame Tagung im Kloster Banz durchzuführen.

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