Das Thema „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ stand im Mittelpunkt der 128. Generalversammlung der Görres-Gesellschaft, die von Freitag, dem 25. September 2026 bis zum Sonntag, dem 27. September 2026 in Koblenzstattfand. Mehr als 350 Besucherinnen und Besucher nahmen an den rund 80 wissenschaftlichen Vorträgen und Rahmenveranstaltungen teil, die sich in der überwiegenden Mehrzahl der Sektionen mit dem Rahmenthema der diesjährigen Tagung „Wissenschaft und Öffentlichkeit" befassten. Das Programm der Tagung können Sie hier abrufen. Die Abstracts der Vorträge, die bei der Tagung gehalten wurden, finden Sie hier. Eine Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom Sonntag, den 27. September 2026, finden Sie hier.
In der Mediathek von SWR Rheinland-Pfalz können Sie einen Beitrag von “SWR Aktuell” über die Jahrestagung ab Minute 3:56 hier ansehen.
Festakt am Sonntag – Wissenschaftsjournalist Harald Lesch kritisiert Entwicklungen der digitalen Welt
Einer der Höhepunkte der Tagung war der Festakt Görreshaus in Kblenz am Sonntag, dem 27. September 2026. Der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Prof. Dr. Haral Lesch sprach dabei zum Thema „Sind wir dabei den Verstand zu verlieren? Vom Kampf an der Front gegen Unsinn, Irrsinn, Wahnsinn und andere Erscheinungen der Diktatur des Digitalen“. Im Hinblick auf das Thema seiner Festrede sagte Lesch: „Es ist geradezu prophetisch gewesen, den Titel "Haben wir den Verstand verloren?" zu wählen. Schließlich ist seit wenigen Tagen offensichtlich, dass sogar die besten Experten der Entwicklung von KI offenbar die Kontrolle verloren haben. Die Furcht vor dem "Weltuntergang" innerhalb der nächsten sechs Monate lässt sogar Mitarbeiter die KI-Schmieden fluchtartig verlassen. Ja, wir sind dabei, die Grundlage des vernünftigen, durch Begründungen und Erkenntnissen motiviertes Handeln zu verlassen. Unser Verstandesorgan schrumpft bei Nichtbenutzung auf die Größe einer Pflaume, wie MRT-Aufnahmen zeigen. "If you don't use, you loose it", wenn Du es nicht benutzt, dann geht es Dir verloren. Das erleben wir gerade im KI-Hype. Dass wir dabei mit einigen Hundert oder sogar Tausenden zusätzlicher, weil für die KI notwendigen, Rechenzentren unseren Energie- und vor allem Wasserverbrauch ins Irrsinnige steigern, auch wenn alle Klimaszenarien dagegen sprechen, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass wir dabei sind den "Verstand zu verlieren" - als Grundlage, Ratgeber und Gerichtshof unserer Entscheidungen, Urteile und Wertvorstellungen.“
Einen besonderen Höhepunkt des Morgen bildete das Gruwort des Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz, Gordon Schnieder. „Vor 250 Jahren wurde Joseph Görres hier in Koblenz geboren und vor 150 Jahren wurde an diesem Ort die Gesellschaft gegründet, die seinen Namen trägt. Seitdem verbindet die Görres-Gesellschaft wissenschaftliche Arbeit, gesellschaftlichen Dialog und ehrenamtliches Engagement. Gerade heute ist dieser Austausch wichtiger denn je. Das Thema der diesjährigen Tagung ‚Wissenschaft und Öffentlichkeit‘ trifft einen wichtigen Punkt. Denn gerade in Zeiten tiefgreifender Veränderungen sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die uns Orientierung geben, umso essenzieller“, so Ministerpräsident Schnieder.
Zum Abschluss des Festaktes standen Ehrungen an. Zunächst nahm die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Angelika Zirker, die Prämierung der drei Gewinnerinnen des Essay- und Kreativwettbewerbs, der Theologin Johanna Tannen (1. Platz), der Literaturwissenschaftlerin Dr. Maria Lipnicka (2. Platz) und der Philosophin Lena Fiedler, vor. Einen Bericht über den Wettbewerb können Sie hier nachlesen. Zum Abschluss des Festaktes ehrte Görres-Präsident Prof. Dr. Bernd Engler Mitglieder für ihre langjährige Mitgliedschaft.
Festmesse in Koblenzer Liebfrauenkirche
Dem Festakt vorausgegangen war ein Gottesdienst in der Koblenzer Liebfrauenkirche, den Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier) feierte. Er ging in seiner Predigt auf Leben und Wirken von Joseph Görres ein und schilderte dies nuancierrt und facettenreich. Er erinnerte an Joseph Görres, von dem es erstaunlich gewesen sei, dass er – ein Mann, der keinen Universitätsabschluss hatte – Namensgeber für eine der größten und ältesten Wissenschaftsgesellschaften in Deutschland geworden sei: „Das liegt zum einen wohl an der unglaublichen Breite seiner geistigen Interessen. Zum anderen verbindet sich in Joseph Görres auf faszinierende Weise die Freiheit des Geistes mit Überzeugungsstärke.“ Bischof Ackermann fügte hinzu: „Das Beispiel von Joseph Görres zeigt, dass der christliche Glaube nicht das Denken verdirbt, sondern die Kraft hat, das Denken zu weiten, wenn der Glaube zugleich bereit ist, vor dem Forum der Vernunft Rechenschaft abzulegen über das, was ihn bewegt.“ Görres stehe für eine Wissenschaft, „die sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern die gesellschaftliche Auseinandersetzung sucht, um dem Wohl aller zu dienen.“
Im wissenschaftlichen Fokus: “Wissenschaft und Öffentlichkeit”
Den Auftakt der Tagung bildete am Freitag, dem 25. September, eine Veranstaltung mit dem Tübinger Kommunikationsforscher Prof. Dr. Olaf Kramer, zum Thema „Expertise unter Attacke? Wissenschaft zwischen Polarisierung und Depolarisierung“.
Neben dem Festakt und zentralen Vorträgen standen bei der Jahrestagung die Sitzungen der einzelnen wissenschaftlichen Sektionen der Görres-Gesellschaft mit rund 80 Vorträgen im Vordergrund. Die Vorträge bildeten die gesamte Palette der wissenschaftlichen Vielfalt der Görres-Gesellschaft ab und widmeten sich in zahlreichen Einzelveranstaltungen vornehmlich dem Thema „Wissenschaft und Öffentlichkeit“.
Der Präsident der Görres-Gesellschaft, Professor Dr. Bernd Engler, sagte hierzu: „Mit dem Thema „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ stellt sich die Görres-Gesellschaft in die Tradition ihres Namenspatrons Joseph Görres, der mit seiner Person für die Begeisterung an der Wissenschaft steht und in seiner Zeit wesentliche Impulse in vielen Disziplinen gesetzt hat, von den Geisteswissenschaften bis hin zu Naturwissenschaft und Medizin. Als herausragender Publizist war es ihm ein Bedürfnis, seine Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen. Gleichzeitig war Görres ein engagierter Katholik, dessen Erbe wir verpflichtet sind, wenn wir uns als „Impulsgeber für gesellschaftliche Debatten in christlichem Wertehorizont“ begreifen.“ Mit Blick auf die heutigen Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft betonte Prof. Dr. Engler: „In unserer Zeit ist es notwendig, Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die Gesellschaft zu tragen. Den gewaltigen Herausforderungen, vor die wir gestellt sind, werden wir nur im Zusammenspiel von Wissenschaft und Öffentlichkeit begegnen können. Ich hoffe, dass unserer Tagung dazu einen Beitrag leisten konnte.“
Einige Beispiele aus dem Tagungsprogramm illustrieren dieses Anliegen: Die philosophische Sektion befasste sich mit „Populismus und Lügen“ und dachte über die „Grenzen der Aufklärung“ nach. In der Pädagogik fand u.a. eine Paneldiskussion zum Thema „Erziehungswissenschaft und ihre öffentliche Aufgabe“ statt. Die Geschichtswissenschaften beschäftigten sich mit Joseph Görres und seinem zeitgeschichtlichen Wirken. Einen besonderen Höhepunkt setzte die Sektion für Kunstgeschichte, die die frühere Kölner Dombaumeisterin Prof. Dr. Barbara Schock-Werner zu einem Vortrag über „Joseph Görres, der Kölner Dom und die deutsche Nation“ eingeladen hatte. Bei den Religionswissenschaften sorgte schließlich der Vortrag zum Thema „Die Wahrnehmung der Kirche im Schatten ihrer Missbrauchskultur“ für erhebliches Interesse. Erstmals seit einigen Jahren tagte auch wieder die Sektion für Natur- und Technikwissenschaften, u.a. zu Themen wie Klimawandel und -leugnung sowie Grüner Gentechnologie. In der Sektion für Medizin ging es u.a. um moderne Kommunikationsformen im Vortrag „Von der Studie zum Social Feed – Medizinische Kommunikation heute“.
Ganz besonderes Augenmerk galt den zahlreichen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, die zur Tagung kamen. Das eigens für diese Gruppe ins Leben gerufene „Junge Forum der Görres-Gesellschaft“ bot die Möglichkeit, sich zu vernetzen und eigene Akzente zu setzen.
Einen besonderen Höhepunkt hatten sich die Organisatoren mit einer Schifffahrt auf dem Rhein für den Samstagabend einfallen lassen. Trotz des außerordentlich niedrigen Pegelstandes des Rheins konnte das Ausflugschiff “La Paloma” ablegen und die anschließende Fahrt bescherte den Passagiere phantastische Ansichten von Koblenz und dem Mittelrhein.
Zum Hintergrund:
Die Jahrestagung bildete zugleich den Höhepunkt des Jubiläumsjahres der Görres-Gesellschaft: Am 25. Januar 1776 wurde in Koblenz ihr Namenspatron Joseph Görres geboren, die Gesellschaft selbst wurde vor 150 Jahren eben dort gegründet - für die Görres-Gesellschaft zwei bestechende Gründe, nach Koblenz für ihre Jahrestagung zurückzukehren.

