Rede Requiem Mikat


 

Düsseldorf, 7. Oktober 2011


Liebe Frau Mikat,
liebe Familie Mikat,
sehr geehrte Trauergemeinde,

im Namen der Görres-Gesellschaft darf ich Ihnen, liebe Frau Mikat, und Ihrer Familie unsere herzliche Anteilnahme zu dem schweren Verlust aussprechen, den Sie erlitten haben.

Die schmerzliche Nachricht vom Tode Paul Mikats, des Ehrenpräsidenten unserer Gesellschaft, traf uns unmittelbar bei der Eröffnung der diesjährigen Generalversammlung in Trier. Sie traf alle Teilnehmer wie ein Schock. Vielen erschien das zeitliche Zusammentreffen als providentielle Fügung; denn die Arbeit für die Görres-Gesellschaft war für den Verstorbenen - bis zuletzt, insgesamt mehr als ein halbes Jahrhundert lang -, ein wesentliches Stück seines wissenschaftlichen, aber zugleich seines persönlichen Lebens und damit das seiner Familie. An dieser Arbeit, die er als Dienst und Verpflichtung empfand, hing sein Herz, auch wenn er das nach außen wenig zeigte und sich selbst innerhalb unserer Sozietät, jeder öffentlichen Ehrung zu entziehen suchte.

Von 1967 bis 2007 bestimmte Paul Mikat den Kurs unserer Gesellschaft, als fünfter Präsident dieser 1876 gegründeten freien Vereinigung von Wissenschaftlern, die sich ehrenamtlich engagieren. Er hat ihr hohes Ansehen in der nationalen und internationalen Wissenschaftslandschaft gefestigt und wesentlich gesteigert. Er hat in den vier Jahrzehnten seiner Präsidentschaft dafür gesorgt, dass die Görres-Gesellschaft zum öffentlichen Reflexionsort wurde, in dem die drängenden Probleme der Gesellschaft mit der Tiefenschärfe der Wissenschaft und der aus ihr entwickelten Orientierungskraft erörtert werden. Er hat  - wie Kardinal Lehmann in seinem Kondolenzschreiben an Frau Mikat hervorhob -  „die Qualität als Anspruch an die Wissenschaften kompromisslos verteidigt. Er hat Geistesgegenwart, Unabhängigkeit, Nähe zur Kirche und Freiheit für wahre Forschung nicht auseinanderbrechen lassen." So weit das Zitat.

Noch bis in die letzten Tage seines Lebens betreute er die Publikationen unserer Sozietät  - mehr als zwanzig pro Jahr -  im Mit- und Gegeneinander von Herausgebern, Mitarbeitern und Verlegern, wie eh und je. Das tat er vom heimischen Schreibtisch aus, mit Hilfe seines liebsten Mediums, des Telefons, und einer Schreibmaschine älteren Datums. Sein phänomenales und stets parates Gedächtnis ersetzte ihm  - was er keineswegs verhehlte -  Schreibwerk und Aktenablage, hinderte jedoch nicht die zügige Erledigung noch so kompliziert erscheinender Probleme.

Hatte man an Hans Peters, seinem Vorgänger im Präsidentenamt, einem angesehenen Kölner Staats- und Verwaltungsrechtler, sein „geradezu märchenhaftes Finderglück von Geldquellen" für die Erfüllung seiner Aufgabe gerühmt, so stand Paul Mikat dieses ,Glück' nicht minder zur Seite, oder richtiger: er erarbeitete es sich durch persönliches Ansehen und fachliche Wertschätzung bei den Vorständen forschungsfördernder Stiftungen in rheinisch-westfälischen Industrie- und Wirtschaftskreisen. Die Ergebnisse seiner erfolgreichen Mittelbeschaffung ermöglichten es Paul Mikat, die Grundlagenforschung in der Görres-Gesellschaft und deren Publikation in Form von Jahrbüchern, Monographien und Quelleneditionen kontinuierlich zu steigern -als sichtbare Belege geleisteter Arbeit. Auch wenn die Gesellschaft für die Erfüllung ihrer Aufgabe neben den Mitgliederbeiträgen Zuschüsse des Verbandes der Diözesen Deutschlands einsetzen konnte, schaffte es ihr Präsident, sie bis 2005 hin ohne hauptamtliche Verwaltung zu leiten  - eine Tatsache, die er gern, als Alleinstellungsmerkmal, hervorhob.

Der wachsende Haushalt ermöglichte es auch, die Zahl der Habilitations-stipendien zu vermehren. Schließlich konnten weitere Fachsektionen, so im Bereich der Medizin, errichtet werden  -heute sind es mehr als 20 -, und die Zahl der bei den Jahresversammlungen gehalten Referate bis an die hundert ansteigen. 2001 wurde die exakt ein Jahrhundert zuvor begonnene Edition der Akten des Concilium Tridentinum abgeschlossen, wenig später auch die vielbändig der Nuntiaturberichte des 16. und 17. Jahrhunderts aus Köln. Auf die wachsende Zahl der Mitglieder, heute 3.100, war Paul Mikat umso stolzer, als die Gesellschaft, angesichts ihrer Altersstruktur, alljährlich viele von ihnen durch Tod verlor. Er selbst war ihr eifrigster Werber, erfolgreich mit der ihm eigenen hartnäckig-charmanten Nachdrücklichkeit. Seine legendäre Fähigkeit zum Ausgleich und die souveräne Art seiner Verhandlungsführung erleichterten ihm die Leitung eines so komplexen sozialen Gebildes von selbstbewussten Einzelpersönlichkeiten. Seine Maxime blieb: „Verändern durch Bewahren".

Zu den zeitüberdauernden Werken, die Paul Mikat initiiert, umgesetzt und abgeschlossen hat, gehört in erster Linie die 7. Auflage des Staatslexikons - des traditionellen Markenzeichens unserer Gesellschaft. Zu dessen 1988 vorliegenden fünf Bänden  - zwei weitere „Die Staaten der Welt" folgten etwas später -  verfasst Paul Mikat, aktives Mitglied des Redaktionsgremiums, auch den zentralen Beitrag „Kirche und Staat". Mit dem von ihm 1977 eingeführten Ehrenring der Görres-Gesellschaft für wissenschaftliche Leistungen konnte er insgesamt 27 Persönlichkeiten auszeichnen. Bei seinem Abschied als Präsident überraschte ihn der Vorstand mit der Verleihung eben dieser Ehrung.

Mehr als ein Jahrhundert lang waren Zielsetzung und Forschungsarbeit der Gesellschaft vornehmlich auf geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen ausgerichtet gewesen. Wie gezielt Paul Mikat diese Konzentration zu aktualisieren wusste, zeigte sich nach Abschluss des Staatslexikons. Als dringlich er­schienen Beiträge aus christlicher Sicht zu den damals geführten Ethikdiskussionen, auch in den Naturwissenschaften und in der Medizin. Die Antwort darauf erschien in der für die Görres-Gesellschaft kennzeichnenden Interdisziplinarität 1998 in dem von ihr herausgegebenen „Lexikon für Bioethik", und zwar gleichzeitig in drei Bänden. An dessen Konzeption und Fertigstellung hatte sich Paul Mikat aktiv beteiligt, als einer der drei Herausgeber. Hingegen verzichtete er auf eine vergleichbare Mitwirkung in dem bereits ein Jahr später  - und sogleich in vier Bänden -  erschienenen „Handbuch der Wirtschaftsethik". Schließlich schuf er noch die Voraussetzungen für die Publikation eines „Handbuchs der Erziehungswissenschaft", dessen dritter und letzter Band kurz nach seinem Ausscheiden als Präsident vorlag.

Paul Mikat konnte in unnachahmlicher Weise erzählen, fröhliche und schöne Geschichten, und war ein lebhafter Unterhalter. Wer jemals an einem Montagsabend-Empfang während einer Generalversammlung teilgenommen hat, wird seine geistvolllaunigen Stegreif-Apercus nicht vergessen, mit denen er noch so gelungene Begrüßungsreden örtlicher Gastgeber überglänzte. Es waren Kabinettstücke erinnerter Erfahrungen  - nicht selten mit der jeweiligen regionalen Prominenz -, verknüpft mit variationsreichen Bezügen zu Landschaft und Geschichte. Dabei kam Paul Mikat zugute, dass er viele der führenden Repräsentanten aus Staat, Politik und Kirche  - und keineswegs nur Christdemokraten und nur katholische Kirchenführer -  persönlich kannte und sich gern im Dialog mit ihnen steigerte, ohne dabei jedoch das letzte Wort zu verschenken.

Die Görres-Gesellschaft trauert um einen Gelehrten mit enzyklopädischem Wissen, einen prägenden Wissenschafts- und Kulturpolitiker, ein Organisationsgenie.

Über einen Zeitraum von sechzig Jahren hat er die wissenschaftliche, kulturelle und politische, aber auch besonders die kirchliche Szene in unserem Land bereichert, so Kardinal Lehmann in seinem Kondolenzschreiben.

Paul Mikat, der christlichen Offenbarung und der Lehre seiner Kirche verpflichtet, war ein begnadeter Mittler zwischen Generationen, Konfessionen und Disziplinen. Er war ein Brückenbauer, ein Mann des konstruktiven Ausgleichs, zudem ein liebenswerter Kollege, kurz: ein Vorbild. Er hat seine Görres-Gesellschaft geprägt, und deshalb wird er uns spürbar fehlen. Seine Verdienste wird die Görres-Gesellschaft bei ihrer nächsten Generalversammlung würdigen.

Requiescat in pace.