
Die Görres-Gesellschaft
Information/Tätigkeiten
Die „Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft“, die im Jahre 1876 von einer Gruppe katholischer Forscher und Publizisten gegründet wurde und seitdem auf eine große Zahl bedeutender Gelehrter als Mitglieder zurückblicken kann, dient dem Zusammenschluss aller wissenschaftlich Interessierten, deren Denken und Forschen die verpflichtende Bedeutung der christlichen Tradition anerkennt. Das wissenschaftliche Weltbild, das die Neuzeit beherrscht hat, befindet sich in einer Krise; sowohl die naturwissenschaftlichen wie die geisteswissenschaftlichen Disziplinen erleben einen Umwandlungsprozess, in dem neue Möglichkeiten der Erkenntnis sich abzeichnen. Zu diesen für die Zukunft entscheidenden Auseinandersetzungen wollen die Mitglieder der G.-G. beitragen. Die der Wissenschaft gesetzten Aufgaben sollen hier den modernen Anforderungen entsprechend auf christlichem Boden erfüllt werden.
Die wissenschaftliche Arbeit der Gesellschaft vollzieht sich in zur Zeit 20 Sektionen.
Ihre Hauptaufgabe sieht die Gesellschaft:
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in der Förderung und Wiederbelebung eines auf christlichem Boden stehenden wissenschaftlichen Nachwuchses an den deutschen Hochschulen und Forschungsinstituten im In- und Ausland (durch Bewilligung von Stipendien, Druckkostenzuschüssen, Ermöglichung von Auslandsaufenthalten und Forschungen u.a.m.);
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in der Bereitstellung von Mitteln zur Durchführung größerer wissenschaftlicher Arbeiten und Publikationen, die sich aus der Zielsetzung der Gesellschaft als besonders wichtig ergeben. Hier sind hervorzuheben: das in 7. Auflage erschienene Staatslexikon, das Lexikon der Bioethik, das Handbuch der Wirtschaftsethik sowie die Akten des Konzils von Trient, ein Werk, das eine der bedeutendsten historischen Gemeinschaftsarbeiten Deutschlands überhaupt darstellt.
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in der Unterhaltung eigener Forschungsinstitute im Ausland
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in der Förderung der Begegnung von Naturwissenschaften und Theologie. Hierzu ist ein Institut gegründet worden, das in alljährlichen Symposien modernste Fragestellungen dieser Art wissenschaftlich behandelt. Die Ergebnisse werden in den Publikationen des Instituts für Interdisziplinäre Forschung (Verlag Karl Alber, Freiburg/Br.) einem weiteren Interessenkreis zugänglich gemacht.
Die alljährlich stattfindenden Generalversammlungen der Gesellschaft stellen in allgemein zugänglichen Vorträgen und Diskussionen bedeutsame Ergebnisse der Forschung heraus. Hierzu kommen neben anerkannten Forschern regelmäßig auch jüngere Gelehrte zu Wort. Im engeren Rahmen der Sektionen dient diese Arbeit dem wissenschaftlichen Austausch und nicht zuletzt der Weiterführung der Beziehungen zu den Gelehrten des Auslandes. Der Ort der Generalversammlung wechselt innerhalb der verschiedenen Gegenden Deutschlands. Zuweilen hält die Gesellschaft ihre Generalversammlung im befreundeten Ausland ab (z.B. Trient 1963, Innsbruck 1970 und 1977, Wien 1972, Salzburg 1979 und 1989, Fribourg 1983).
Der Mitgliederkreis der Görres-Gesellschaft umfasst außer aktiven Kräften der deutschen Wissenschaft, also vor allem neben Universitäts- und sonstigen Hochschullehrern, alle jene Kreise, die den Zielen der Gesellschaft innerlich nahestehen und ihre Arbeit in lebendiger Anteilnahme mittragen wollen. Die Mitglieder können unentgeltlich an sämtlichen Veranstaltungen der Generalversammlung teilnehmen, werden durch die wissenschaftlichen Jahres- und Tagungsberichte von den verschiedenen Arbeiten der Gesellschaft in Kenntnis gesetzt und können zu Vorzugspreisen Veröffentlichungen der G.-G., vor allem auch die von der Gesellschaft laufend herausgegebenen großen periodischen Publikationen beziehen.
Zielsetzung und Aufbau
Die „Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft“ ist eine der ältesten deutschen Wissenschaftsgesellschaften in privater Trägerschaft, ein rechtsfähiger Verein mit Sitz in Bonn. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, in „Bewahrung ihres im katholischen Glauben wurzelnden Gründungsauftrages wissenschaftliches Leben auf den verschiedenen Fachgebieten an[zu]regen und [zu] fördern und die Gelegenheit zum interdisziplinären Austausch [zu] bieten“ (Satzung i.d.F. vom 2. Oktober 2001). Diesen Zweck sucht sie zu erreichen (1) durch wissenschaftliche Arbeit und Nachwuchsförderung, (2) durch Mitgliederversammlungen, öffentliche Tagungen und Symposien, (3) durch wissenschaftliche Unternehmungen, insbesondere durch Begründung und Unterhaltung wissenschaftlicher Institute sowie durch Herausgabe wissenschaftlicher Zeitschriften, Reihen und Einzelwerke, (4) durch Forderung internationaler Beziehungen und Verbindung mit gleichgesinnten und gleichgearteten Institutionen, (5) durch Unterstützung wissenschaftlicher Bestrebungen in der G.-G., besonders durch Gewährung von Stipendien. Die G.-G. als freie Vereinigung von Wissenschaftlern und Wissenschafts-Freunden aus verschiedenen Berufszweigen gliedert sich, entsprechend den Hauptrichtungen der von ihr geförderten wissenschaftlichen Tätigkeit, in Sektionen. Sie unterhält Institute in Rom (seit 1888), Jerusalem (seit 1908), Madrid (seit 1926) und Lissabon (seit 1962). Geleitet wird sie von einem ehrenamtlichen Vorstand, der aus dem Präsidenten und seinem Stellvertreter, dem Generalsekretär und seinem Stellvertreter sowie aus sechs Beisitzern besteht. Der Vorstand wird, wie die Leiter der einzelnen Sektionen, von einem in der Mitgliederversammlung jeweils ergänzten wissenschaftlichen Beirat gewählt. Die jährlichen Generalversammlungen der G.-G. finden an wechselnden Orten statt, auch in Österreich und der Schweiz.
Entstehung
Die G.-G. repräsentiert ein Stück deutscher Wissenschafts- und Katholizismus-Geschichte seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Gegründet wurde sie in Koblenz am 26. Januar 1876, dem 100. Geburtstag von Joseph von Görres, dem Vorkämpfer staatsbürgerlicher und kirchlicher Freiheitsrechte.
Die Gründungsversammlung wurde von einem preußischen Polizeikommissar samt Stenographen auf „staatsfeindliche Umtriebe“ beobachtet (W. Becker). Anlaß dazu bildete die Situation des Kulturkampfes, durch den auch katholische Wissenschaftler in erheblichem Umfang benachteiligt wurden (Nichtberücksichtigung der Parität, faktische Berufsverbote und gesellschaftliche Isolierung).
Aus dem Selbstbehauptungswillen einer Gruppe vornehmlich jüngerer Wissenschaftler, insbesondere des Philosophen G. von Hertling und des Historikers Hermann Cardauns, Privatdozenten in Bonn, in Verbindung mit dem Kölner Publizisten und Rechtsanwalt J. Bachem sowie dem von der preußischen Regierung abgesetzten früheren Bonner Oberbürgermeister Leopold Kaufmann kam der Anstoß, die Vorherrschaft des weltanschaulichen Liberalismus zurückzudrängen und eine Gesellschaft zur „Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland“ zu gründen. Der Vereinszweck umfaßte das Angebot auch materieller Hilfe besonders an jüngere Gelehrte durch Stipendien und Publikationsmöglichkeiten.
Die G.-G. hatte Ende 1876 bereits 730 Mitglieder.
Geschichte
Unbeschadet ihrer Gründung als eine Art von Not- und Verteidigungsgemeinschaft trat die G.-G. vor allem durch jährliche Generalversammlungen rasch aus ihrer geistigen Defensivrolle und zeitbedingten apologetischen Akzentuierung heraus, was ihr durch den Abbruch des Kulturkampfs erleichtert wurde. Sie richtete ihre Aktivität als „Laienorganisation“ von Gelehrten mit Theologen als Mitgliedern, aber ohne eigene Theologische Sektion und ohne Konkurrenz zum neu gestärkten kirchlichen Lehramt, auf die geistige Auseinandersetzung mit den Problemen der modernen Welt. Das geschah auf dem Fundament des „Bekenntnisses zum christlichen Glauben und Menschen-bild in der Tradition der Katholizität, zur Freiheit als personaler und sozialer Kategorie der Staats- und Gesellschaftsgestaltung“ sowie aus der Überzeugung, daß der Verdacht einer Unvereinbarkeit von wissenschaftlicher Rationalität und christlichem Glauben überholt ist (L. Boehm).
Die G.-G. begann, durch Beiträge und Spenden ihrer Mitglieder finanziert, ihre Arbeit in vier Fachsektionen: für Rechts- und Sozialwissenschaft (seit 1877), Philosophie (seit 1877), Geschichte (seit 1878) und Naturwissenschaften (seit 1906). Ihre Tätigkeit, die mit „Vereinsschriften“ und Jahrbüchern der Sektionen einsetzte, wurde entscheidend geprägt durch ihren ersten Präsidenten von Hertling. Bereits früh gelang es, übergreifende Forschungsunternehmungen in Gang zu setzen, die teilweise bis in die Gegenwart hinein weitergeführt, bzw. durch Neubearbeitung fortgesetzt werden konnten, darunter das zunächst wesentlich von Julius Bachem (in der 5. Auflage von Hermann Sacher und in der 6. Auflage von Clemens Bauer) geprägte, gegen staatliche Omnikompetenz konzipierte „Staatslexikon“ (1. Auflage 1889-1897; 6. Auflage 1951-1971) sowie Editionen aus dem Vatikanischen Archiv zum „Concilium Tridentium“ (wesentlich geprägt von Stephan Ehses, Hubert Jedin und Theobald Freudenberger) und zur Geschichte der päpstlichen Hof- und Finanzverwaltung, auch Nuntiaturberichte.
Zu den rasch begründeten Zeitschriften der G.-G., die bis heute erscheinen, so das „Historische Jahrbuch“ (seit 1880), die „Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte“ (seit 1887), das „Philosophische Jahrbuch“ (seit 1888), sind inzwischen zahlreiche weitere hinzugetreten. Der ursprünglich in den Geisteswissenschaften liegende Schwerpunkt der Arbeiten der Gesellschaft hat sich zunehmend, ablesbar an der Errichtung neuer Sektionen und neuer Publikationsreihen, in andere Gebiete ausgeweitet (Kirchenmusik, Pädagogik, Psychologie und Psychotherapie). Als geistig fundierte Gemeinschaft hat sie von vorneherein ein „interdisziplinäres Element in ihrem Verständnis als wissenschaftliche Gruppe“ aufgenommen (W. Becker) und lieferte damit auch einen Beitrag zur wissenschaftlichen Pluralität.
Nachfolger v. Hertlings als Präsidenten der G.-G.. waren die Historiker Hermann v. Grauert (1919-24), Heinrich Finke (1924-38), der Rechtswissenschaftler Hans Peters (1940/41, 1948-66) und seit 1967 der Rechtswissenschaftler Paul Mikat. Ihrer Zielsetzung entsprechend war die G.-G. – die vor dem 1. Weltkrieg an der römischen Kurie zu Unrecht in den Verdacht „modernistischer Häresie“ geraten war – nach 1933 den nationalsozialistischen Machthabern verhaßt. Sie wurde von ihnen aber zunächst noch – insbesondere wegen ihrer Auslandsinstitute und des internationalen Ansehens ihres Präsidenten Finke – geduldet, allerdings in ihrer Arbeit erheblich behindert, am 11. Juni 1941 dann vom Reichsminister des Innern aufgelöst und ihr Vermögen beschlagnahmt. Die Mitgliederzahl lag damals bei knapp über 3000 (1925 auf ihrem Höhepunkt: bei 4600). Zwischen 1938 und 1948 konnten keine Generalversammlungen stattfinden.
Entfaltung in der Gegenwart
1948 wurde die G.-G. in Köln neu gegründet. Sie konnte nahtlos an ihre Zielsetzung und Tradition anknüpfen, ihre zwangsweise unterbrochene wissenschaftliche Forschungs- und Publikationstätigkeit wieder aufnehmen bzw. fortsetzen und ihre Wirksamkeit in neue Arbeitsgebiete ausweiten (Naturwissenschaften und Technik, Politische Wissenschaft und Kommunikationswissenschaft, Soziologie). Präsident ist seit 2008 Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf.
Mitglieder 2003: 3.290
Derzeit bestehen 21 Sektionen. In ihrer zunehmenden Publikationsdichte (viele Zeitschriften bzw. Reihen, dazu zahlreiche Editionen und Monographien) und mit der seit 1985 erschienenen 7. Auflage des „Staatslexikons“ wird deutlich, wie intensiv die G.-G. von der Grundlage christlicher Überzeugungen aus in den wissenschaftlichen Dialog der Gegenwart einbezogen ist. Ihr Interesse an interdisziplinärer Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen (Grenz-)Problemen kam durch die Errichtung eines „Instituts für interdisziplinäre Forschung zur Begegnung von Naturwissenschaften und Glauben“ zum Ausdruck (1957).
An der Eröffnung ihrer Generalversammlungen nehmen seit 1949, wie in der Zeit der Weimarer Republik, Repräsentanten des Staates und der Kirche sowie anderer Wissenschaftsorganisationen des In- und Auslands teil. Mit einem neugestifteten Ehrenring werden seit 1977 verdiente Persönlichkeiten des wissenschaftlichen und öffentlichen Lebens ausgezeichnet. Das umfangreiche Schrifttum der G.-G. bezeugt den in Deutschland beispiellosen Umfang der Arbeit einer privaten Wissenschaftsorganisation, deren Verwaltung bisher ohne hauptamtliche Kräfte erfolgt.
Quelle: nach Rudolf Morsey, G.-G., in: G.-G. (Hrsg.), Staatslexikon — Recht Wirtschaft Gesellschaft, 2ter Band, 7. Aufl. 1986, Freiburg im Breisgau.